Aller Anfang ist schwer?

Vor einigen Jahren bemalte eine Künstlerin ein Haus in New Orleans mit Tafelfarbe. Sie ließ die Farbe trocknen und schrieb achtzig Mal einen halben Satz darauf: Before I die I want to... ("Bevor ich sterbe, will ich ..."). Hinter jedem Halbsatz ließ sie Platz frei. Dann befestigte sie eine Kiste mit bunten Kreidestiften an der Wand und wartete.

Am nächsten Tag hatten Passanten die Lücken gefüllt und an die Wand geschrieben, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, bevor es zu Ende geht:

Bevor ich sterbe, will ich Trompete lernen.

Bevor ich sterbe, will ich sieben Kinder haben.

Bevor ich sterbe, will ich den Tadsch Mahal sehen.

Eine weltweite Kunstaktion war losgetreten. Mehr als 400 Wände in mehr als 60 Ländern wurden beschriftet. 400 Wände voller Wünsche. Aber wann fängt man an, sich diese Wünsche zu erfüllen? Heute? Morgen? Im neuen Jahr? Irgendwann? Warum nicht jetzt gleich? Worauf warten wir wenn wir solche Träume vor uns herschieben? Angst was neues anzufangen?

Ein Magazin hat vor Kurzem die bekanntesten Sprichwörter erläutert. "Aller Anfang ist schwer" war das erste auf der Liste - scheint weit verbreitet zu sein. Und ja, bei manchen Dingen mag das zutreffen.

Zum ersten Mal die Steuererklärung selbst ausfüllen, als Führerschein-Neuling das erste Mal alleine Autobahnfahren,… Aber meistens ist doch der erste Schritt der einfachste. Dran bleiben, weitermachen, das ist doch das was viiiiel schwerer fällt. Dass wir Jahr für Jahr an unseren eigenen Vorsätzen scheitern liegt doch nicht daran, dass wir nicht anfangen, sondern daran dass wir mittendrin aufgeben. Wobei “aufgeben” auch ein blödes Wort ist. Gibt ja nix zu schaffen, außer das was wir uns selbst auferlegen.

Ein ähnliches Sprichwort lautet "Der erste Schritt ist immer der schwerste". Mein Patenkind hat vor Kurzem seine ersten Schritte gemacht. Sie sah ziemlich glücklich aus dabei. Schwups hat sie eine völlig neue Welt für sich entdeckt. Garnicht schwer.

Der Spruch "Aller Anfang ist schwer" macht doch eigentlich ziemlich schlechte Laune! Wie eine Ausrede es nicht zu versuchen. Hätte mein Patenkind auch sagen können “Gehen? Nö. Zu schwer!” Hat sie aber nicht. Weil sie garnicht darüber nachdenkt. Sie macht einfach, fällt vielleicht manchmal noch hin, aber was soll´s.

Vorsatz fürs neue Jahr? Nicht warten! Anfangen. Hinfallen. Aufstehen. Weitermachen.

Ein guter Anfang: 108 Sonnengrüße am 11.1.2019


Anna Hacker