Übers Ankommen

“…Mein Zuhause ist kein Ort, das bist du…” singt Fynn Kliemann. Ich muss bei dem Lied immer an meinen Vater denken. Keine Ahnung warum. Nach vielen Jahren weg aus Wien und nun zurück in der Heimat habe ich erfahren, dass es Heimat/ Wurzeln gibt, aber der Ort an dem man glücklich ist, sich frei und vollkommen fühlt nicht zwingend der selbe sein muss. Zuhause sind für mich Menschen die mir nahe stehen, eine gewisse Routine, Gewohnheiten, Vertrautheit. Und die kann man sich überall schaffen.

Lustig, dass trotzdem das “Ankommen” ein so hoch gelobtes Ziel ist. Ich hab das noch nie verstanden. Was heißt das denn überhaupt? Ankommen. Wo denn überhaupt? Im Berghain vergangenes Wochenende bin ich schon mal nicht angekommen:-) aber das ist eine andere Geschichte. Bei mir vielleicht, ok. Aber oft klingt es eher so als gäbe es Lebensstufen, die nach und nach abzuarbeiten, zu erreichen sind. Kindergarten, Schule, Uni, rein in die Arbeitswelt. Eins nach dem anderen. Haben wir die Beförderung oder Gehaltserhöhung in der Tasche, geht es weiter und weiter und weiter. Und dann sind wir irgendwann dort angekommen, wo wir ankommen wollen. Toll, oder? Nein. Weil zeitgleich muss geheiratet werden. Vor 30 bitte. Dann müssen Kinder her. Am besten mehr als eines bitte. Dann glücklich? Nach längerer Beobachtung rund um mich rum: Geht so. Denn in der Zwischenzeit haben die meisten sich selbst aus dem Blick verloren vor lauter weiter, weiter, weiter. Vor lauter Panik nicht anzukommen.

Super Eso diese “Ich muss mich selbst finden”-Sprüche. Aber es ist etwas wahres dran. Ankommen hat nur etwas mit einem selbst zu tun. Ich bin heute in ganz vielen Dingen völlig anders als ich das vor 10 Jahren war und kann sagen: ich war mir nie näher als jetzt gerade. Und klar gibt es auch für mich Ziele, Wünsche, Träume davon wie mein Leben einmal aussehen könnte. Aber ich weiß auch, dass alles gut ist, so wie es jetzt gerade ist und jeder einzelne Moment ein Ankommen bedeutet. Wir sind immer da. Es gibt kein gestern mehr und noch kein morgen. Also wo ankommen außer bei sich selbst?

Wenn wir tanzen, dann doch auch nicht um in einer anderen Ecke des Raumes anzukommen. Und wenn wir Musik hören, dann doch auch nicht um beim letzten Ton zu enden sondern der Musik wegen. Das Leben ist keine Reise, die uns irgendwohin bringt.

Lasst uns tanzen, solange die Musik spielt

In der Yoga Praxis geht es ganz viel ums Ankommen. “Komm auf deiner Matte an” heißt es dann und man denkt “Hä. Bin doch da”. Gemeint ist damit RICHTIG da zu sein. Mit jeder Faser seines Körpers, mit all seinen Gedanken im Hier und Jetzt. Und, believe me, das ist man ganz oft überhaupt nicht. Nur wenn wir wirklich bei uns sind, den Fokus auf unseren Atem legen, weg von dem Wahnsinn im Kopf, jede Bewegung kontrolliert und bewusst ausführen, nur dann wird aus reiner Gymnastik Yoga.

Das ist unter anderem der Grund, warum gerade zu Beginn einer Klasse die Meditation, der aufrechte Sitz, das Atmen so wichtig sind. Wir stimmen uns ein, sammeln uns UND… YES! Kommen an!

“Root to rise”. Noch so ein Yogalehrer-Saga:-) Erden, um zu wachsen. Was soll denn das jetzt wieder heißen? Körperlich ganz einfach das: nur wenn du gut sitzt oder stehst, das Gewicht gut verteilt ist, du dich stabil und sicher fühlst, kann die Wirbelsäule sich strecken, dein Körper sich aufrichten. Psychisch ist es ganz ähnlich: Erdung ist die Fähigkeit mit beiden Beinen im Leben zu stehen, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, sich in der Welt, im Normalen zurechtzufinden. Ein gesunder Menschenverstand, Verbindung mit der Natur und mit anderen Menschen um so über sich hinaus zu wachsen, vielleicht sogar höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen.

Im Ayurveda wird vom Vata-Element, vom Luftelement, gesprochen. Menschen mit hohem Vata verlieren manchmal die Erdhaftung – und sollten sich immer wieder um ihre Erdung bemühen. Aber das führt zu weit.

Schön, dass ich vom Ankommen schreibe und ständig abschweife:-)

In diesem Sinne!

Happy Febuary und gute Reise

Anna Hacker